Pflegenotstand kommt plötzlich wie Weihnachten???

 

Ein Azubi rüttelt an den Mauern alter Traditionen. Er macht aufmerksam auf eine Misere, die seit Jahren geduldet und verschuldet wird und jetzt für alle Verantwortlichen plötzlich, wie Weihnachten, gesellschaftlich zum Thema wird. Der verzweifelte Azubi Alexander Jorde ist in meinen Augen ein absolut gelungenes Beispiel für frühen Berufsausstieg und Langzeiterkrankungsraten der Pflegeberufe. Die Attraktivität des Berufsbildes wird hier nicht durch Kampagnen gefördert. Die Werte des Pflegeberufes aller Sparten und damit die Werte der Menschen, die sich für einen Pflegeberuf entscheiden, wurden jahrelang durch ein medizinisch- ökonomisches System vollkommen vernachlässigt und verdeckt. Noch immer ist dieser aus historischen Ursprünben weiblich dominierte Beruf nicht aus dem Schattendasein des Hilfsberufes herausgewachsen. Das hat mehrere Gründe: ein imsich u.a. darin, dass die Länder seit Jahren die Investitionskosten im Bereich der Krankenhäuser herunterschrauben. Die Entwicklung von Pflegeeinrichtungen im ambulanten Feld wurde dem ökonomischen Wettbewerb überlassen, anstatt nach Qualität der Pflege und Versorgung steht auch hier die Wirtschaftlichkeit der Träger im Vordergrund. Der MDK hat als Kontrollinstanz die Aufgabe, diese Zustände zu regeln und hat in meinen Augen hier vollkommen versagt. Wenn, wie im  Bericht am 02.02.2018 abgebildet 19% der Heimbewohner im LAND ein Druckgeschwür erleiden, sind das 1/5 aller Bewohner, ein weiteres knappes Fünftel leidet an Schmerzen, die nicht behandelt werden und auch die ganz normalen „grundpflegerischen“ Tätigkeiten, wie Waschen oder Nägel schneiden, bei jedem 10. Nicht gemacht.   Wenn hier ein Vertreter des MDK im gleichen Kontext von „Verzerrungen“ durch Berichterstattungen spricht, zeigt in meinen Augen, dass im verwaltungsgesteuerten Verantwortungsbereich noch immer die Situation verniedlicht wird und die Verantwortlichen Stellen hier beschönigen und damit grob fahrlässige handeln. Es ist unterlassene Hilfeleistung im Umgang mit der Verantwortlichkeit einer guten Versorgung und Pflege. Es sei die Frage erlaubt, inwieweit hier Versagen vorliegt, wenn ein Pflegeazubi im zweiten Lehrjahr zu diesem Zeitpunkt, den Staat mit hochbezahlten und hochrangigsten politisch Verantwortlichen, sowie die unteren „Profi- Instanzen“ auf diese Mißstände aufmerksam macht und die Verbesserungsvorschläge vo SPD und CDU als „unzureichend“ erklären kann. Und damit nach nur zwei Jahren auch noch in allen Bereichen Recht und professionellen Background bekommt? Es wäre übrigens gehältertechnisch in diesem Fall deutlich günstiger, Herrn Jorde direkt eine Stelle dort anzubieten, denn er ist ja, hier sei meine Ironie verziehen, echter „FachMANN!“ Und er hat tatsächlich in zwei Jahren Grundausbildung mehr Ahnung vom Beruf, als die, die die Fäden im Hintergrund für diesen Beruf ziehen. Ich finde es eine absolut mutige Leistung, die Herr Jorde hier vollbracht hat, dennoch sei auch eine weitere Frage an dieser Stelle erlaubt.

Seit Jahren beklagen Pflegende (auch und eben traditionell überwiegend weiblich) aller Sparten und auch Pflegewissenschaftler/- innen diese Zustände und warnen vor dieser nicht aufzuhaltenden Situation. Es ist in den Bereichen der Verantwortung immer noch Usus, dass das Wort der Frau auf diesen Ebenen als FachFRAU nur geringes Gehör geschenkt wird. Ich will hier sicher keine Debatte über Sexismus aufmachen, aber wir müssen durchaus auch die Frage stellen: WER hat in der PFLEGE das Expertenwissen? Auch in der jetzigen Berichterstattung erscheint der Azubi im 2. Lehrjahr als der heroische Retter des Volkes. Warum denn er? Seit Jahren machen Azubis in der Pflege die gleichen Erfahrungen. Hier sitzt ein junger Mensch für alle sichtbar, am Rande der Verzweiflung und mit Tränen in den Augen, eine emotionale Situation, der sich täglich Tausende Pflegekräfte im Land seit vielen Jahren stellen. Es gibt die Pflegewissenschaften mit evidenzbasiertem Wissen gegen all dieses Leid, es gibt bundeseinheitliche verbindliche Standards für die Verhütung von Druckgeschwüren, Schmerzen und all die Bereiche, die hier „versagen“. Warum ist das so?

Hier ist die Frage wiederum berechtigt: Wer sind diese Pflegepersonen? Wieviel professionelles Pflegewissen ist in den Einrichtungen vorhanden? Warum sehen sie selbst oft diese Zustände nicht, bzw. werden selbst nicht aktiv? Wie wurde das Personal qualifiziert? Mit einer fachlich fundierten und in der Berufsausübung geschützten Ausbildung oder durch den bunten Markt privater und nicht immer qualitätsausgerichteter Kurse irgendwelcher Träger aus Profitgründen? Wieviel Möglichkeiten haben die Einrichtungen zu Schulung, Fort – und Weiterbildungen ihres Personals, welches im Pflegenotstand täglich schon die Grenzen des Machbaren überschreitet? So könnte man momentan aus pflege- und gesundheitspolitischer Sicht die Fragestellungen um mehrere Seiten erweitern, denen sich die bisher Verantwortlichen zu stellen haben (müssen!). Wenn ein Mensch mehr als 30 min nach Drücken des Schwesternrufes auf Hilfe warten muss, ist dies Gewalt, dazu gibt es genügend rechtliche Urteile als Beispiel. Es gibt bereits Antworten auf alle diese Fragen und über die Hintergründe, die dies alles erklären, doch ob die Antworten gehört werden (wollen), ist eine ganz andere Sache. Scheinbar gilt hier unter Verantwortlichen aller Ebenen noch immer das Prinzip: „Stelle keine Frage, deren Antwort Du nicht wissen willst…“! Plötzlich, wie Weihnachten, haben wir einen offensichtlichen Pflegenotstand. Und noch immer verharmlosen Verantwortliche vor aller Augen und wie oben gezeigt, die eigentliche Misere. Hier ist auch die Gesellschaft gefordert, diese Fragen offen zu stellen und sich in die Diskussion um Gesundheit, Pflege und Versorgung einzumischen. Pflegerisches professionelles Wissen muss an diesen Stellen finanziert werden, denn Wissen kostet nun mal Geld, wie in anderen Bereichen, wie Medizin oder Pharmaindustrie auch niemals in Frage gestellt wird. In Bereichen, deren Lobby nun mal durch Machttraditionen noch immer zu großen Teilen die Pflege bevormundet und in den historischen Schatten stellt. Wenn 1,6% der Wirtschaftsleistung eines Staates in die Heimversorgung gesteckt werden, müssen dann der soziale Gedanke und die Einhaltung des Grundgesetzes mit dem Schutz auf Würde und dem Recht auf Unversehrtheit durchaus als Thema ganz oben auf der AGENDA stehen?

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2 Comments on “Pflegenotstand kommt plötzlich wie Weihnachten???

  1. Danke für diesen tollen Bericht. Es stellt sich in der Tat die Frage, warum bei den jahrelangen (bereits geführten) öffentlichen Diskussionen nur so wenig dabei herauskommt. Politiker scheuen sich konkret zu werden, obwohl sich der Fachkräftemangel seit Jahren abzeichnet. Die Flüchtlinge sollen die neuen Pflegekräfte werden? Wie wollen die mit ihren mangelnden Sprachkenntnissen eine Pflegeausbildung überstehen? Vielleicht in 10 Jahren…
    Eine Reform der Pflegeausbildungen liegt auf dem Tisch, das Heilberufegesetz ist geändert. Was tut sich? Nichts! Wobei sich auch die Frage stellt, ob die Reform überhaupt sinnvoll und durchführbar ist, so wie sie konzipiert wurde.
    Fragen über Fragen, alle offen. Diskussionen über Diskussionen. Alle ohne konstruktiven Ausgang.
    Fazit: Eine traurige Entwicklung!

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